26. Februar 2020

Palastrevolution in der Süderstraße

Wie heißt es doch: Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Bei den Tierpfleger*innen im Tierheim Süderstraße ist es nun so weit: Sie sind nicht länger bereit und in der Lage, sich mit der sich mehr und mehr zuspitzenden Personalsituation abzufinden – sie sind am Ende ihrer Kraft angelangt, sie können nicht mehr.

Fürsorgepflicht ausgeblendet

Ein Arbeitgeber hat nicht nur Rechte, er hat auch Pflichten, unter anderen die Fürsorgepflicht. Das allerdings blendet der amtierende Vorstand komplett aus, sorgt im Gegenteil permanent für weitere Ausfälle durch die ständige Überforderung des verbliebenen Personals. Schon lange ist aus der einst liebevollen Betreuung der Tiere ein hektisches Füttern und Reinigen geworden. Kranke und verletzte Tiere müssen quasi im Vorbeigehen versorgt werden, für tröstende Momente fehlt die Zeit. Die Pfleger*innen müssen ständig früher anfangen, länger bleiben, zusätzlich an ihren freien Tagen Sonderschichten schieben – zum Ausspannen und Erholen bleibt kaum noch Raum. Der ständige Druck führt vermehrt zu Unfällen, krankheitsbedingte Ausfälle verschärfen die Situation zusätzlich. Bei alledem belastet es die Pfleger*innen enorm, hilflos mit ansehen zu müssen, wie die Tiere unter dieser „Minimalversorgung“ leiden, teilweise sterben, wo es einfach nicht passiert wäre, wenn die Zeit für eine sorgfältige Pflege ausgereicht hätte!

Jeder halbwegs verantwortungsbewusste Arbeitgeber würde in so einer Situation bestimmt nicht noch Personal von der Pflege abziehen, um an öffentlichkeitswirksamen Demonstrationen teilzunehmen! Doch was macht der Vorstand des HTV? Dementiert, beschuldigt und diffamiert Kritiker und zeigt sich betrübt, aber tapfer die Anschuldigungen ertragend für das Wohl aller Tiere! Infamer geht es kaum.

Um seine Personalpolitik möglichst reibungslos umzusetzen,  hat der HTV-Vorstand ein einfaches Rezept gefunden: Man mobbt die kompetente Tierheimleitung vorzeitig in den Ruhestand und setzt eine willige Hundetrainerin an ihre Stelle. Die muss sich fortan natürlich dankbar und ergeben zeigen, wenn sie die Karriereleiter nicht wieder herunterfallen will … Und schon hält der ehrenamtliche Vorstand alle Fäden in seiner Hand.

Aussagen beim Amt und offener Brief

Doch wie eingangs geschrieben: Der Krug geht nur so lange zum Brunnen, bis er bricht. Den Tierpfleger*innen reicht es jetzt endlich! Sie erheben ihre Stimme! In den vergangenen Tagen waren rund zwei Dutzend Mitarbeiter*innen größtenteils aus eigenem Antrieb beim Bezirksamt, um die anonymen Meldungen zu bestätigen. Am 26. Februar ging zudem ein von 32 Tierpfleger*innen und (Ex-)Mitarbeiter*nnen unterzeichneter offener Brief an den 1. Bürgermeister, den Senat, die politischen Parteien, das Bezirksamt Mitte und die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz raus.

In dem Schreiben heißt es wörtlich:

„Wir Mitarbeiter an der Basis kommen aus Liebe zu den Tieren täglich zur Arbeit, nicht wegen des Geldes, aber wir sind am Ende unserer Kraft“.

Die Unterzeichner*innen stellen mit Nachdruck klar, dass durch das Veterinäramt Mitte keine Schikane betrieben wurde, sondern dass die Behörde seit Anfang 2019 mit jeder einzelnen Kontrolle auf anonyme Hinweise aus dem Tierheim reagiert habe. „Wir wussten uns nicht mehr anders zu helfen, da die jetzige Leitung das Elend im eigenen Haus nicht sehen will und die Öffentlichkeit durch selbstverfasste lobende Artikel und Reden über die tatsächlichen Zustände täuscht“. Weil die anonymen Meldungen nicht überall ernst genommen wurden, habe sich ein Großteil der Tierpfleger*innen entschlossen, diesen Notstand persönlich und aus eigenem Antrieb erneut direkt beim Bezirksamt aufzuzeigen.

Nach Angaben der Unterzeichner*innen seien die 200 vom Amt beschlagnahmten toten Tiere nur die Spitze des Eisbergs gewesen. Sie stellen klar: „…, dass es in unserem Tierheim die veröffentlichten und weitere gravierende Missstände tatsächlich gibt, eine massive Unterbesetzung beim Tierpflege-Personal herrscht und wir nicht mehr in der Lage sind, uns gut und ausreichend um die uns anvertrauten Tiere zu kümmern“.  Gleichzeitig distanzieren sich die Mitarbeiter*innen von anonymen Briefen, die angeblich von der Belegschaft stammen sollen, aber augenscheinlich von Personen verfasst wurden, die dem amtierenden Vorstand nahestehen, und nur den einen Zweck verfolgen, unliebsame Betriebsratsmitglieder zu diffamieren.

Vor dem Hintergrund, dass in den nächsten Wochen durch das Ausscheiden von Mitarbeiter*innen aus Altersgründen und Kündigungen wegen der enormen Überlastung eine weitere Zuspitzung der Personalsituation zu erwarten sei, warnen die 32 Unterzeichner*innen:

„Kommt im April kein neuer Vorstand ins Tierheim oder ist keine Änderung der Situation in Sicht, werden sich viele von uns den Kündigenden anschließen müssen, weil wir kein weiteres Tierleid mehr mit verantworten wollen. Damit wäre eine jetzt schon drohende Schließung des großen Hamburger Tierheimes dann vermutlich nicht mehr aufzuhalten“.

Foto: Hans Braxmeier/Pixabay 

10 Comments

  1. helga milz

    Wie ungemein wichtig ein Wechsel im HTV-Vorstand ist, zeigt der Brief und Hilferuf von 32 mutigen Tierpfleger:innen. Sie wissen, was sie jetzt erwartet: Rapport, sofort, egal, wie viel Arbeit anliegt!

    Einzeln antreten zur Fertigmache. Hinterlistige Befragung durch das eingespielte 3-erTeam von TH-Leiterin,1.+2.Vors: Wer zettelte Verschwörung an? Wer was verrät, kommt davon, so das Versprechen. Das sie schnell brechen.
    Hoffentlich geht keine/r hin zur perfiden Inquisition, die nur Machterhalt im Sinn hat, nicht das Wohl der Tierheimtiere.

  2. Anonüm

    Endlich bewegt sich mal was. Lasst euch nicht niedermachen und scheut die Konfrontation nicht! Sicherlich brauchen die Tiere eure Energie, aber wenn ihr keine mehr habt, bringt es auch nichts. Also führt den Kampf zu Ende, dann habt ihr auch wieder mehr Energie und Freude und die Tiere werden es euch danken.

  3. S.B

    Genau das ist der richtige Weg „in die Öffentlichkeit“ um die Katastrophen Zustände aufzuklären ! Ich bin stolz auf jeden einzelnen
    der/die den Mut hat in die Öffentlichkei um auf die katastrophalen Umstände aufmerksam macht, und sich auch nicht mehr einschüchtern lässt. Es kann und darf so einfach NICHT weitergehen im Tierheim Süderstraße unter der aktuellen ungeeigneten Führung.

  4. Emma Barner

    An die Mitglieder, die noch zweifeln:
    liebe HTV-Mitglieder, eventuell seid Ihr nicht ehrenamtlich aktiv;
    liebe Ehrenamtliche, vielleicht seid Ihr am Wochenende tätig oder noch nicht so lange dabei.
    Vielleicht habt Ihr deswegen noch nicht bemerkt, dass das Gelände des Tierheims von montags bis freitags wie leer gefegt ist. Die Anzahl der anwesenden Ehrenamtlichen macht -grob geschätzt- höchstens die Hälfte der vor wenigen Jahren tätigen Ehrenamtlichen aus. Katzen wird nicht vorgelesen, Hunde werden nicht ausgeführt, beim Putzen wird kaum geholfen etc. Katzen, die durch die Tätigkeit Ehrenamtlicher ihre Scheu verlieren, und Hunde, die nach einem Spaziergang ausgeglichen sind, sind nicht nur leichter zu vermitteln, sie sind auch leichter zu pflegen (Medikamente geben, Füttern, zum Arzt bringen, etc.).

    Nicht nur Mitarbeiter haben die Flucht ergriffen, sondern auch einige Ehrenamtliche.

    Lange Rede, kurzer Sinn:
    es ist für die Vorstandswahl nicht wichtig, was der HTV anbietet (Ehrenämter, Auslandstierschutz etc.), sondern wie die Entwicklung in den letzten Jahren war und noch ist. Die Entwicklung ist rückläufig, anders gesagt: negativ. Es gibt heute weniger Personal (einen Personalnotstand), weniger Ehrenamtliche, weniger Engagement im Auslandstierschutz. Vom Betriebsklima ganz zu schweigen.

    1. Erika Lemmel

      Liebe Emma Barner,

      was Sie über die Ehrenamtlichen schreiben, trifft auf gar keinen Fall für die Katzenhäuser zu. Es gibt mehr als 10 Vorleserinnen und mehr als 10 Ehrenamtliche für die Reinigungsarbeiten. Auch an Katzenvermittlungsunterstützerfehjlt es nicht. ! Das kann ich deshalb so gut beurteilen, weil ich den Überblick für die EAs aufgrund der Anwesenheitslisten habe!!! Ich bin übrigens selber eine Ehrenamtliche! Herzl. Gruß, Erika Lemmel

  5. Enrico

    Bitte was sind das für Zustände, es ist eine Schande das der Vorstand, genau wenig der Politik am versagen ist. Und zum leid der Tiere und Mitarbeiter. Es kann nicht sein das irgend welche Sesselpuper sich einbilden solche Bedingungen noch schön zureden und am Ende dem Mitarbeiter die Schuld für Ihr versagen zu geben. Ein Schande ist das und gehört komplett ausgetauscht. So wohl aller.

  6. Anonym

    Anonym
    Status: Mitarbeiter im HTV.
    Notwendigkeit: Einstellung eines Geschäftsführers + personelle Umstrukturierungen
    Wahl: pessimistische Ahnung des Bisherigen
    Konsequenz: wird vollzogen

    1. emma barner

      Einen Geschäftsführer einstellen: keine schlechte Idee.

      Ich hatte immer an den Aufbau einer Personalabteilung gedacht. Mit Angestellten, die mehr als Gehaltsabrechnungen erstellen können, insbesondere mit der Fähigkeit, Personalgespräche führen zu können……

  7. Erika Lemmel

    Heute war ich wieder als Ehrenamltiche -wie allwöchentlich- im TH bei den Katzen. Ich war entsetzt darüber, wie abgekämpft bzw erschreckend schlecht die Pflegerinnen im neuen wie im alten Katzenhaus aussehen. Ich habe mich richtig erschrocken! Wenn das so weiter geht, habe ich Sorge, daß einige Pflegerinnen kollabieren.

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