Manchmal muss es erst schlimmer werden

Die Frage, ob es gerechtfertigt sein kann, wenig Leid zu verursachen um viel Leid zu verhindern, lässt sich ethisch nicht beantworten. An dem Sprichwort, „manchmal muss es erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann“, ist aber sicher etwas dran.

Ehrenamt
Seit 2012 kümmert sich die Ehrenamtliche um die Aufzucht von verwaisten Kitten.

Mein Name ist Stefanie Bauche. Ich arbeite seit vielen Jahren ehrenamtlich fürs Tierheim Süderstraße. In der Zeit habe ich 39 Kätzchen, über 100 Eichhörnchen und ein Hermelin vom Tierheim zur Aufzucht übertragen bekommen. Diese verantwortungsvolle Aufgabe habe ich immer gerne und mit sehr viel Herzblut übernommen und ausgeführt. Zwangsläufig ergab sich dadurch natürlich auch die direkte Nähe zu den Tierpflegern und mir fiel die zunehmend schlechte, oft sogar depressive Stimmung bei Angestellten und anderen Ehrenamtlichen auf. Ständige Um- und Neubesetzungen, Kündigungen und Mobbing Einzelner, kontinuierlich sinkende Anzahl ausgebildeter Tierpfleger – das ist nicht mehr zu übersehen und wirkt sich schlussendlich negativ auf die zu betreuenden Tiere aus. Ich sehe es auch als meine tierschützerische Pflicht, Missstände zu benennen und konstruktiv zu kritisieren. Das habe ich mit meiner Stellungnahme bei den Freunden vom Hamburger Tierschutzverein getan und dafür werde ich nun ausgegrenzt.

Unterstützung unerwünscht

Für mehr als 100 Eichhörnchen-Kinder hat die Ehrenamtliche die Verantwortung übernommen.

Offenbar bin ich in der Jungtieraufzucht von der Tierheimleitung nicht mehr erwünscht, denn ich wurde ohne Rücksprache aus diversen internen Verteilern gestrichen. Die dortigen Mitteilungen sind wichtig für eine reibungslose Zusammenarbeit mit den Pflegern. Zum Tierheimfest bekam ich keine Anfrage zur Mithilfe mehr, obwohl ich zuverlässig jahrelang am Wildtierstand half. Als Besucherin fiel mir auf, dass überraschend viele Stände durch HTV-Mitarbeiter besetzt waren, obwohl im Bericht zum Fest von 180 helfenden Ehrenamtlichen die Rede ist. Das war bis zum letzten Jahr anders, deshalb frage ich mich, wo eigentlich die aufgeführten 180 Ehrenamtlichen tätig waren. Wie mir Angestellte (vor Zeugen) berichteten, hat es im Vorweg sogar eine deutliche Ansage (zumindest für einen Teil der Angestellten) gegeben: „Wer ab 12 Uhr nicht unbezahlt bleibt, kann nach Hause gehen“. Das läuft auf Erpressung hinaus und wäre gesetzeswidrig.

Wenn ich mich jetzt weiter öffentlich äußere, um die derzeitigen Zustände zu ändern, wird auch mir vereinsschädigendes Verhalten vorgeworfen und droht auch mir dann ein Ausschlussverfahren? Sollte ich gänzlich von der Liste der Ehrenamtlichen gestrichen werden, bricht ein nicht unerheblicher Anteil ehrenamtlicher Pflege weg, denn meines Wissens gibt es überhaupt nur vier Heimpflegestellen für mutterlose Kitten. Bin ich dann indirekt für das Leid dieser Katzenkinder verantwortlich?

Was passiert im schlimmsten Fall mit denen, die nicht auf eine Pflegestelle kommen? Auf sie wartet vielleicht sogar der Tod! (Info dazu: Die Aufzucht kleiner Katzen ist sehr aufwändig, sie sind extrem anfällig und dementsprechend ist die Sterblichkeitsrate von im TH großzuziehenden Kitten hoch. Zudem sind die Überlebenden oft schwer vermittelbar, weil sie in der wichtigen Prägephase ohne Bezugsperson aufwachsen und entsprechend menschenscheu sind. Die Prägephase beginnt wenige Tage nach der Geburt und wirkt sich wegweisend auf das gesamte Katzenleben aus.)

Ehrenamtliche Gassigänger ziehen sich zurück

Tiere, die aufgrund fehlender Kapazitäten nur noch grundversorgt werden können, leiden extrem. Die Bezeichnung TierHEIM ist da nicht mehr gerechtfertigt, TierAUFBEWAHRUNG trifft es schon eher. Immer mehr ehrenamtliche Gassigänger ziehen sich zurück, weil sie die derzeitige Personalführung nicht mehr tolerieren können. Immer weniger geführter Auslauf für die teilweise seit Jahren hier ausharrenden Hunde ist die Folge. Was passiert mit Hunden, die kaum oder gar nicht mehr aus dem Zwinger kommen? Über kurz oder lang entwickeln sie Verhaltensstörungen und das wiederum minimiert ihre Vermittlungschancen!

Im Tierheim leiden viele Tiere, nicht nur die mir persönlich bekannten. Und es leiden dort viele Menschen, nicht nur die mir persönlich bekannten. Natürlich liegen mir die persönlich bekannten noch mehr am Herzen und ich möchte ihnen keinesfalls schaden. Aber ich habe mich entschieden: durch „nicht Gesicht zeigen“ kann ich hier nicht wirklich helfen. Also ging ich zu den Freunden. Es war richtig. Die Resonanz war durchweg: „Danke für diesen Mut“.

Den meisten noch verbliebenen Gassigängern sind die Probleme nicht verborgen geblieben. Sie schweigen, weil sie befürchten, „ihre“ Hunde nicht mehr ausführen zu dürfen. Aber solange ihr euch wegduckt, Augen und Ohren verschließt und weitermacht wie bisher, so lange kann der Öffentlichkeit weiterhin eine heile Tierheimwelt vorgegaukelt werden. Denkt doch auch an den Hund im Nachbarzwinger, der nicht mehr ausgeführt wird, weil sein Gassigänger aussortiert wurde oder den Mut hatte zu sagen „den Umgang hier unterstütze ich nicht mehr“.

Hiermit möchte ich einen Appell an alle Ehrenamtlichen und Mitarbeiter (besonders an ehemalige, die keine Konsequenzen mehr zu befürchten haben) richten:

Zeigt Gesicht, engagiert euch – die Mitarbeiter und die Tiere BRAUCHEN eure Hilfe!