Maulkorbzwang für unangepasste Mitglieder

Maulkorbzwang für unangepasste Mitglieder

Ähnlich wie Stefanie Bauche habe auch ich eine „Vorgeschichte“ mit dem Hamburger Tierschutzverein. Meine reicht zurück bis in die 1960er Jahre, als ich meine Frühjahrs- und Herbstferien regelmäßig im Tierheim Süderstraße verbracht habe, um der damals noch einzigen Tierpflegerin im Katzenhaus beim Füttern und Reinigen der Zwinger und Katzentoiletten zur Hand zu gehen. Ehrenamtliche wie heute, kannte man damals noch nicht und ich habe mich auch nicht als solche gesehen. Für mich war das Tierheim einer der schönsten Orte, um meine Ferien zu verbringen. Aber ich war noch ein halbes Kind und die Tatsache, dass hinter jedem der süßen Tiere ein trauriges Schicksal steckte, war mir seinerzeit überhaupt nicht bewusst.

Antrag auf Mitgliedschaft nicht angenommen

Erst Jahre später, mit dem Fall „Volkan“, einem kleinen Jungen, der im Jahr 2000 durch verantwortungslose Hundehalter und Behördenversagen sein Leben verlor, kam mir der Hamburger Tierschutzverein wieder in den Sinn. Ich war Gründungsmitglied der Hunde-Lobby und sah den Hamburger Tierschutzverein als natürlichen Verbündeten beim Widerstand gegen die Auswüchse im Hamburger Hundegesetz an. Umso größer war mein Entsetzen, dass sich der damalige Chef des HTV, Wolfgang Poggendorf, wider alle Vernunft der Politik und den Medien gegenüber für Rasselisten und generellen Leinenzwang aussprach. Wie viele andere Tierfreunde zu dieser Zeit, stellte ich beim HTV einen Antrag auf Mitgliedschaft, um bei Mitgliederversammlungen Einfluss auf die Ziele des HTV nehmen zu können. Wahrscheinlich landete mein Antrag im Papierkorb, schließlich wollte sich Pogge keine unnötige Laus in den Pelz setzen.

Über das unrühmliche Ende des Wolfgang Poggendorf will ich mich hier nicht weiter auslassen, aber unter dem Vorsitz von Dr. Gabriele Waniorek-Görke erhielt der Verein endlich einen Vorstand, der den Tierschutz wieder in den Mittelpunkt der Vereinsarbeit stellte. Ein neuerlicher Antrag auf Mitgliedschaft von mir wurde angenommen.

Zusammenarbeit mit der Hunde-Lobby

Beim Thema Hundegesetz zeigte sich der HTV ab sofort als starker und verlässlicher Partner der Hunde-Lobby. Gemeinsam wurde das Gassiprojekt für Listis ins Leben gerufen, gemeinsam wurden über 5.000 Unterschriften für eine Eingabe beim Petitionsausschuss der Freien und Hansestadt Hamburg gesammelt, gemeinsam wurden Politiker und Medien eingeladen, um an einem Wesenstest teilzunehmen. Und schließlich unterbreiteten beide Vereine den verantwortlichen Politikern Änderungsvorschläge für das Hamburger Hundegesetz, die sowohl der Tierschutz-Hundeverordnung als auch der Gefahrenprävention Rechnung trugen. Und selbstverständlich war die Hunde-Lobby gerne gesehener Gast bei den Tierheimfesten.

Bei einem Symposium der Hunde-Lobby lernte ich die heutige 1. Vorsitzende des HTV kennen, die mir davon erzählte, dass sie in ihrem Spanienurlaub den Tierschutz vor Ort unterstütze. Das schien mir eine gute Geschichte für unseren PfotenAbdruck (Magazin der Hunde-Lobby) und so veröffentlichten wir in der ersten Ausgabe von 2012 einen Artikel über ihre Erfahrungen in Spanien. „Von jeder Reise bringe ich unauslöschliche Eindrücke mit“, schrieb sie in diesem Beitrag. „Vor Ort lässt die viele Arbeit, aber auch die unendliche Dankbarkeit der Tiere, keine Traurigkeit zu. Das kommt dann später. Und um es ertragen zu können, brauche ich auch immer die Tiere, die ich mit nach Deutschland nehmen kann.“ Eine Tierschützerin, die meine Hochachtung verdient, dachte ich bei mir und als sie sich für den Vorstand vom Hamburger Tierschutzverein bewarb, gehörte ich zu ihren glühendsten Befürwortern und habe aus voller Überzeugung die Werbetrommel für sie gerührt.

Job und Passion unter einem Hut

Nachdem die Leiterin des Öffentlichkeitsreferats auf unabsehbare Zeit krankgeschrieben wurde, fragte mich jemand aus dem Vorstand, ob ich mir vorstellen könne, die Öffentlichkeitsarbeit interimsmäßig zu übernehmen. Und wie ich konnte! Ein Traum für eine Journalistin, Passion und Job unter einen Hut zu bringen. Ein knappes Jahr – von Anfang 2013 bis Anfang 2014 – war ich Teil des HTV-Teams. Es hat mir viel Freude gemacht und ich meine, einen wirklich guten Job abgeliefert zu haben. Eigenwilligkeiten, wie die Tatsache, dass die „ich & du“ vor Drucklegung den anderen Vorstandsmitgliedern nicht mehr vorgelegt wurde oder, dass ich den Artikel eines Vorstandsmitgliedes solange redigieren musste, bis dieser seinen Beitrag zurückzog, weil er ihn nicht mehr wieder erkennen konnte, sowie das Vorkommnis, dass ich Zitate einer Tierärztin der damaligen Tierheimleitung zuordnen musste, irritierten mich zwar, aber ich schob es auf die Unkenntnis der Regeln ordentlicher Redaktionsarbeit einer Verwaltungsjuristin.

Erst nach meinem Ausscheiden erkannte ich, wie oft ich von der damals noch 2. Vorsitzenden vorgeführt worden war. Nur ein Bespiel: Als Freiberufler hätte ich den Job gerne weitergemacht, also kam ich der relativ unsinnigen Aufforderung nach, mich in einem Accessmentcenter für die Neubesetzung der Leitung des Öffentlichkeits-Referats zu bewerben. Noch vor der offiziellen Bekanntgabe erhielt ich einen Anruf der 2. Vorsitzenden, die mir sinngemäß mitteilte, sie hätte sich sehr für mich eingesetzt, aber zwei Beisitzerinnen hätten mich vehement abgelehnt. Dass dem nicht so war, erfuhr ich natürlich erst viel später, nachdem ich Gelegenheit hatte, mit eben diesen Beisitzerinnen persönlich zu sprechen.

Kritische Fragen unerwünscht

Aber es sollte noch merkwürdiger kommen. Bei einer der folgenden Mitgliederversammlungen präsentierte die inzwischen 1. Vorsitzende eine neue Beisitzerin (die heutige 2. Vorsitzende), deren Kooptation (Nachrücken) von den Mitgliedern bestätigt werden sollte. Ich stellte also die Frage, warum ein Mitglied, das den Einzug in den Vorstand nur mit wenigen Stimmen verpasst, sich als Nachrücker angeboten hatte und noch dazu mit dem Tierschutzpreis des Deutschen Tierschutzbundes ausgezeichnet worden war, zuvor abgelehnt wurde und man uns nun ein völlig unbekanntes Mitglied präsentiere. An die Antwort kann ich mich nicht mehr genau erinnern, aber es war augenscheinlich der Moment, in dem ich in Ungnade gefallen war. Ausbaden musste das letztendlich die Hunde-Lobby, deren Anzeige in der „ich & du“ (ein „Geschäft“ auf Gegenseitigkeit mit dem „PfotenAbdruck“) nicht mehr veröffentlicht wurde und die seither zu den Tierheimfesten nicht mehr eingeladen wird. Auf dem Weg zur „Alle-Tiere-Schützerin“ scheint die 1. Vorsitzende die Rasselisten und das Hundegesetz aus den Augen verloren zu haben.

Nebenbei: Der damalige 2. Vorsitzende und jetzige Schatzmeister kündigte umgehend seine Mitgliedschaft in der Hunde-Lobby und die Kündigung der 1. Vorsitzenden ließ auch nicht lange auf sich warten.

Auch ich gehöre zu den Freunden

Wer mich kennt weiß, dass ich Ungerechtigkeiten nicht ertragen kann und in den folgenden Jahren wurde mir aus zuverlässigen Quellen so einiges zugetragen, wovon ich mich auf den letzten Mitgliederversammlungen selbst überzeugen konnte. Trotzdem habe ich gezögert, als mich das Hamburger Abendblatt in diesem Februar um ein Interview bat. Dieses Interview und Statements von mir auf diversen Facebook-Seiten haben dann dazu geführt, dass am 16. April 2019 ein Ausschlussverfahren gegen mich eingeleitet wurde. Vorgeworfen wird mir, mehrfach gegen meine Pflichten als HTV-Mitglied verstoßen zu haben, indem ich

  1. öffentlich auf „Abendblatt.de“ vom 21. Februar 2019 den HTV in herabwürdigender Weise angegriffen hätte
  2. öffentlich im „Hamburger Abendblatt“ vom 22. Februar 2019 den HTV in herabwürdigender Weise angegriffen hätte
  3. es als 1. Vorsitzende des Vereins Hunde-Lobby e.V. zugelassen hätte, dass auf der zum Verein gehörenden Facebook-Seite unwahre und/oder rufschädigende Behauptungen über den HTV verbreitet würden
  4. selbst in diversen Facebook-Kommentaren unwahre Behauptungen über den HTV verbreitet hätte.

Der Vorstand forderte mich auf, alle den HTV betreffenden, (vermeintlich) schädigenden Artikel und Kommentare auf meiner und der Facebook-Seite der Hunde-Lobby zu löschen und es künftig zu unterlassen, solche Beiträge zu posten oder das Posten zu dulden. Andernfalls werde man mein Verhalten als fortgesetzten Verstoß gegen meine Mitgliederpflichten werten. Ich erhielt Gelegenheit, mich bis zum 7. Mai 2019 schriftlich gegenüber dem Vorstand zu äußern – nicht ohne den vorsorglichen Hinweis, dass man eine Veröffentlichung dieses Vorgangs als einen weiteren Verstoß gegen meine Mitgliederpflichten werten müsse.

Und so habe ich bereits am 23. April 2019 geantwortet, dass ich die Vorwürfe – bis auf wenige Ausnahmen – für weitestgehend unsubstantiiert halte und ich mich insofern nicht dazu äußern könne. Ich habe daher um Mitteilung gebeten, um welche angeblichen Äußerungen es sich im Einzelnen handele.  Gleichzeitig habe ich mein Befremden über den Versuch, mich auf eine angebliche „Mitgliederpflicht“ hinweisen zu wollen, die mein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung nicht nur einschränken, sondern weitestgehend außer Kraft setzen soll, zum Ausdruck gebracht. Den beiden Unterzeichnerinnen habe ich versichert, dass mir durchaus bewusst sei, welchen Stellenwert sie sich selbst einräumten, sie aber ganz sicher nicht über dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland stünden. Seitdem habe ich nichts wieder vom HTV-Vorstand gehört. Aber was nicht ist, kann ja noch kommen. Einen Maulkorb lasse ich mir aber keinesfalls verpassen…

Jule Thumser

Foto: Wolfgang van de Rydt/Pixabay