Rolfi – eine Liebeserklärung

Rolfi – eine Liebeserklärung

Mein Name ist Jens Schmidt und ich kandidiere für das Amt des 2. Vorsitzenden im nächsten Vorstand des Hamburger Tierschutzvereins. Mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit Menschen, die sich wie ich im Tierheim in der Süderstraße um das Wohlergehen von Tieren kümmern, als Kuscheltierschützer bezeichnet werden. Ich für meinen Teil nehme das als Kompliment, denn die Erfahrung zu machen, dass ein verängstigtes Tier wieder Vertrauen fasst und sich über Kuscheleinheiten freut, ist einfach großartig. Deshalb möchte ich Ihnen die Geschichte meiner wunderbaren Freundschaft zu Rolfi erzählen:

Rolfi, du bist ein Hund mit vielen Ecken und Kanten. Das macht dich zu etwas ganz Besonderem. Als ich dein Gebelle im Frühjahr 2014 das erste Mal hörte, wollte ich sofort wissen wer du bist. Es war wahrscheinlich Schicksal, dass ich an diesem Tag mit dir gelaufen bin und bei unserer ersten gemeinsamen Gassirunde musste ich erstmal abchecken, wie du so tickst. Am nächsten Tag warst du in einem Sandauslauf und belltest wieder so herzzerreißend, dass mir klar war, wir beide gehen heute wieder zusammen. Dein Bellen war reine Verzweiflung, du wolltest einfach immer nur raus aus dem Tierheim, dem Ort, der leider dein Zuhause bleiben wird.

Du bist ein so charmantes Schlitzohr, das sich im Laufe der Zeit bei diversen Gassigängen in mein Herz geschlichen hat. Wenn deine Nougataugen mich anschauen, ist es um mich geschehen. Heute verbindet uns ein Band aus Vertrautheit, Verständnis und Zuneigung, was auch für jeden Außenstehenden sofort sichtbar wird. Das Vertrauen und die Zuneigung, die du mir entgegenbringst, sind mehr, als ich jemals erwartet habe. Ich nehme dich so, wie du bist und so bist du perfekt. Wenn wir beide unterwegs sind und du mir jetzt im fortgeschrittenen Alter genau zeigst, wo du denn nun dein Lieblings-Leckerli haben möchtest, muss ich immer lachen und es ist mir dann auch egal, was andere denken – Hauptsache ist, wir haben Spaß

Irgendwann habe ich für dich einen Pflegevertrag bekommen, damit wir unsere Ausflüge ausdehnen konnten und ich dich auch für längere Zeit zu mir holen konnte. Du lerntest meine Frau Jasmin kennen, die du von Anfang an toll gefunden hast. Ab jetzt haben wir unsere Ausflüge immer zu dritt unternommen, was ja doppelt toll war, weil du immer von zwei Leuten etwas Leckeres für zwischendurch bekommen hast.

Es verging noch eine lange Zeit, ohne dass sich jemand für dich interessiert hätte. Ich konnte es überhaupt nicht verstehen. Du der wunderbare, wunderschöne und liebenswerte Hund, wieso wollte dich keiner? Da ich dich von Anfang an immer genau im Blick hatte, habe ich deine Not und dein Leiden gespürt. Jasmin und mir wurde klar, dass wir nicht wollten, dass du im Tierheim sterben müsstest. Also haben wir uns nach wirklich langen Gesprächen und Überlegungen entschieden, dich zu uns zu holen. Das stellte uns vor die nächsten Herausforderungen, denn in unserem Leben und Zuhause waren auch schon eine paar Wackelnasen, die du zum Jagen gern hast.

Wir machten uns also auf die Suche nach einem passenden Zuhause, wo wir alle zusammenleben konnten. Es gestaltete sich nicht einfach, etwas Passendes zu finden, wo wir alle ohne weitere Sorgen leben könnten. Auch musste ein Hundeauto her. Also sind wir los und haben ein Rolfi-Mobil gekauft, damit du immer mit mir zur Arbeit fahren konntest. Dann kam ein verregneter Tag im Winter 2016! Wir schauten uns ein Haus in Norderstedt an und hatten dich dabei, damit du dir dein neues Zuhause schon einmal anschauen konntest. Nach der Besichtigung sind wir Drei dann in den Rantzauer Forst gefahren, um das Für und Wider abzuwägen. Als wir uns nicht ganz schlüssig waren, hast du dich nur umgedreht, uns angeschaut und schon war klar, wir nehmen das Haus.

Als alles fertig war und der große Tag da war, dich endlich nach Hause zu holen, waren wir so aufgeregt, weil wir dich, mein lieber Freund, endlich bei uns hatten. Der erste Tag verging wie im Flug und als wir ins Bett wollten, wolltest du so gerne mit. Aber das ging auf keinen Fall, weil im ersten Stock unsere Kaninchen lebten. Weil dein Bett aber unten stand, habe ich die nächsten zwei Wochen unten bei dir auf dem Sofa geschlafen, bis du wusstest, dass ich immer noch da bin, wenn du wach geworden bist. Wenn mein Wecker morgens ging, bekam ich immer einen feuchten Hundekuss.

Nachdem du dich eingelebt hattest, sind wir gemeinsam zu mir in die Firma gefahren, um dir deinen neuen Arbeitsplatz zu zeigen. Es war für dich alles total neu und du warst sehr aufgeregt, aber auch das hast du mit Bravour gemeistert. Dann kam der Tag, an dem wir zusammen zur Arbeit wollten und da wurde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. Man teilte mir mit, dass man es sich doch anders überlegt habe und man doch keinen Hund im Unternehmen haben wolle. Als ich nach Hause kam und Jasmin davon erzählte, hat sie entschieden, sich tagsüber um dich zu kümmern, denn du warst nun einmal da und solltest auch bleiben, weil wir dich so lieb haben und dich niemals missen wollten. Es begann die schönste Zeit unseres Lebens. Wir haben uns so auf dich eingelassen und du dich auf uns, dass es immer mehr schöne Momente wurden und wir viele schöne Rituale entwickelten. Wenn die Kaninchen-Toiletten geputzt werden mussten, warst du immer mit von der Partie, denn die Hasenköddel waren für dich das Größte, mein Freund.

Du und Jasmin seid zu einem tollen Team zusammen gewachsen und habt ordentlich trainiert. Dann haben wir das Mantrailing gemeinsam für uns entdeckt. Immer wenn‘s zum Training ging, warst du schon ganz aufgeregt und wolltest am liebsten nur noch trailen. Danach warst du immer so kaputt und bist auf dem Weg nach Hause gleich im Auto eingeschlafen.

Doch dann kam der verhängnisvolle Tag, an dem es dir nicht gut ging. Du wolltest den ganzen Tag schmusen und brauchtest sehr viel Körperkontakt, was für dich schon sehr außergewöhnlich war. Da wir deine Vorgeschichte kannten, haben wir immer sehr auf deine Körpersprache geachtet, um alles richtig zu machen. Doch dann kam der für uns alle verhängnisvolle Moment, der alles auf den Kopf stellen sollte. Da es dir schlecht ging, saßen wir mit dir noch auf dem Teppich, bevor wir ins Bett gehen wollten. Jasmin wollte dir nur noch einmal über deine Seite streicheln, um dir gute Nacht zu sagen. In diesem Bruchteil einer Sekunde hast du dich so erschrocken, bist auf Jasmin losgegangen und hast ihr den Arm zerbissen. Als Jasmin aus dem Krankenhaus kam, sind wir direkt zu dir ins Tierheim gefahren, um dich zu sehen und um mit Susanne David und Nick Martens zu sprechen, wie es jetzt weiter gehen kann. Für Jasmin war klar, dass wir alles versuchen, um dich wieder zu uns zu nehmen und haben trainiert, damit Jasmin die Angst verliert. Aber leider ist die Angst geblieben und wir konnten dich nicht bei uns behalten.

Wir haben uns das nicht leicht gemacht und es hat unser Leben aus dem Gleichgewicht gebracht. Es war eine Zerreißprobe für uns, da bei mir Kopf und Verstand nicht zusammen kamen. Für uns war aber immer klar, dass dich überhaupt keine Schuld trifft. Denn es war einfach nur eine Reaktion auf das, was man dir mal angetan hatte. Jasmin und ich leiden immer noch wegen dieses Missverständnisses, der dein Leben wieder ein Stück mehr zerstört hat.

Für mich war immer klar, dass ich dich bis zum Ende begleiten werde, egal was alle anderen reden. Wir beide sind ein absolutes Traumpaar. Und in den ganzen Jahren, die wir zusammen sind, ist die Bindung zwischen uns so stark geworden, dass ich keinen Moment mit dir missen möchte, mein Freund. Deine und meine Zeit ist nun so zunehmend begrenzt, da du in einem Alter bist, wo man sich langsam auf den Abschied vorbereiten muss.

Für mich persönlich ist es so richtig, dass ihr Langzeitinsassen mit euren Problemen, die Bezugspersonen nicht verliert, denn es sind diejenigen, die ihr euch ausgesucht habt. Zu denen ihr Vertrauen gefasst habt, wenn auch in vielen Fällen nur bedingt, denn es waren ja ebenfalls Menschen, die zu euren Problemen geführt haben.

Für alle Zweifler unter euch. Meine Frau Jasmin hat in dieser Geschichte leider den schwierigsten Teil abbekommen. Nach den Bissen war nichts mehr, wie es vorher war. Trotzdem hat sie Rolfi nie die Schuld gegeben. Sie leidet heute noch genauso wie auch ich unter der Geschichte, weil wir es für ihn nicht besser machen konnten.

Zum Abschluss: Allen, die diese Kampagne gegen die alternativen Kandidat*innen für den Vorstand führen, möchte ich gerne sagen: Keiner von euch hat je ein persönliches Gespräch mit mir/uns geführt. Trotzdem nehmt ihr euch raus, uns zu verurteilen. Wofür? Weil wir uns verstärkt wieder auf die Tiere im Tierheim konzentrieren wollen, weil wieder Emotionen, Empathie und Menschlichkeit zur Normalität werden sollen? Bedenkt: Das was geschrieben ist, könnt ihr niemals zurück nehmen. Und mit falschen Behauptungen und Lügen etwas bewirken zu wollen, geht immer nach hinten los.

Jens Schmidt