Mitgliederversammlung

Chronik einer Mitgliederversammlung

… oder wie man kritische Fragen vermeidet

Es ist Sonnabend, der 6. April 2019, kurz vor 14:00 Uhr und vor dem Tierheim in der Süderstraße stehen die Menschen noch immer an, um an der diesjährigen Mitgliederversammlung des Hamburger Tierschutzvereins teilzunehmen. Derweil ist der Saal, der für zirka 80 Personen ausgelegt ist, schon längst heillos überfüllt.

Mitglieder drängeln sich im Eingangsbereich, während andere den Saal aufgrund der Enge bereits wieder verlassen. Ein Mitglied macht die 1. Vorsitzende, die die Versammlungsleitung inne hat, darauf aufmerksam, dass die für Versammlungen vorgeschriebenen Fluchtwege nicht vorhanden sind. Eigentlich hätte ihr das selbst auffallen müssen, aber es scheint sie nicht zu interessieren. Deshalb greift das Mitglied zum Telefon und wählt die 112. Derweil fordert die Versammlungsleiterin die vor der Tür wartenden Mitglieder auf, in den Saal zu kommen, damit man endlich beginnen könne. Kurz darauf erscheint ein Vertreter der Hamburger Feuerwehr, der feststellt, dass die Räumlichkeiten zu klein seien und nach seiner optischen Einschätzung höchstens 150 Personen aufnehmen könnten. Später wird festgestellt, dass sich zu dieser Zeit tatsächlich 212 Mitglieder auf dem Tierheimgelände aufhalten. Der Mann von der Feuerwehr spricht von Zwangsgeldern, die fällig werden, wenn die Mitgliederversammlung in dem viel zu kleinen Saal stattfindet. Erst als er vorschlägt, die Versammlung ins Freie zu verlegen, lenken die Mitglieder des BGB-Vorstandes ein.

Unzureichende Fluchtwege.

Etwas später treffen zwei Polizeibeamte ein, die ebenfalls die Einhaltung der Versammlungsordnung überprüfen und davon Kenntnis erhalten, dass ein Mitglied von einem anderen Mitglied verbal bedroht wurde. Die beiden Beamten nehmen die Aussagen beider Mitglieder zu Protokoll.

Glücklicherweise regnet es nicht und mit zirka einstündiger Verspätung kann die Mitgliederversammlung beginnen. Während der Vorstand auf der Bühne im Schatten sitzt, liegen die meisten Plätze auf der Wiese in der prallen Sonne. Später werden einige Sonnenschirme aufgestellt und Becher mit Wasser verteilt. Dem Antrag eines Mitglieds, die Presse zuzulassen, wird nicht stattgegeben. Mehrfach funktioniert die Technik nicht, so dass Mitglieder in den hinteren Reihen den Ausführungen nicht folgen können. Auch ein Antrag auf Beendigung der Veranstaltung kommt nicht zur Abstimmung.

Der Geschäftsbericht des Vorstandes zieht sich, noch immer liegen 11 Tagesordnungspunkte vor den Mitgliedern, von denen die meisten in der prallen Sonne schmoren. Bei der Aussprache nach dem Geschäftsbericht kommt die Versammlungsleiterin ihrer Aufgabe, das Rederecht jedes einzelnen Mitgliedes durchzusetzen, nicht nach, beschneidet dieses sogar, indem sie den Stecker des Mikrofons ziehen lässt. Wer gehofft hat, der Vorstand würde sich unbequemen Fragen stellen oder aufklären, wird enttäuscht. Anstatt nach gravierenden Vorwürfen von Betriebsrat, Veterinäramt und Mitarbeitern aufzuklären und auf kritische Mitglieder zuzugehen, wird die satzungsgemäße freie Meinungsäußerung einzelner Mitglieder von Vorstandsanhängern gestört oder durch die Versammlungsleiterin in Teilen unterbunden.

Nach dem Bericht des Schatzmeisters zum Jahresabschluss, den Erläuterungen des Steuerberaters und dem Bericht der Rechnungsprüfer, kommt es zu einer weiteren Aussprache, bei der einige Mitglieder mehr Gehör finden. Darunter eine Ehrenamtliche, die wissen möchte, ob denn für die Mitarbeiter, die seit 15 Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen haben, nicht mal ein kleiner Obolus als Motivationsschub geplant sei. Die erste Vorsitzende erklärt, dass die Gehälter in der Tierpflege im HTV deutlich über dem Schnitt in anderen Tierheimen lägen und man gerade die Ausbildungsvergütungen um 100 Euro im Monat erhöht habe. Da sich eine positive Bilanz abzeichne, habe man natürlich auch darüber diskutiert, dass es Begehrlichkeiten geben werde. Dann nutzt sie die Gelegenheit, mit den „Freunden vom Hamburger Tierschutzverein“ abzurechnen: „Ich weiß nicht, wie wir das jetzt diskutieren sollen, wie wir darüber nachdenken wollen. Ich bleibe dabei, die Schmutzkampagne, die in den letzten Wochen stattgefunden hat, wird Schaden angerichtet haben. Wer Anstand hat, macht die Auseinandersetzung anders. Ich kann eines sagen, mich treffen sie als allerletzte mit dem Schmutz, sie treffen die Tiere im HTV, sie treffen die Mitarbeiter im HTV, sie treffen die Spender im HTV und die, die engagiert sind, sie treffen nicht mich! Mir ist das völlig egal, ich gehe morgen woanders hin und mache meinen Tierschutz woanders“.

Ohne Pause geht es weiter, es stehen noch die Bestätigungen der Kooptation von Ivonne Stetetfeld und Dr. Bettina Brockmöller an. Eine ehemalige Beisitzerin meldet sich zu Wort und möchte die Anwesenden wissen lassen, was ihr die 1. Vorsitzende nach ihrer Wahl in den Vorstand als Erstes gesagt habe: „Mit dieser Belegschaft kann man keinen Tierschutz machen“. Da habe sie gewusst, dass die Situation ernster sei, als sie gedacht habe. Weiter berichtet sie darüber, dass in den Vorstandssitzungen häufig Diskussionen geführt wurden, die auf Wunsch der 1. Vorsitzenden aus dem Protokoll ausgeklammert wurden und der Vorstand den Termin einer Mitgliederversammlung absichtlich auf den Sonnabend vor Ostern gelegt habe. Auf ihre Anmerkung, dass dann doch keiner in Hamburg sei, habe ihr die 1. Vorsitzende geantwortet: „umso besser!“

Ein Mitglied, das sich erneut zu Wort meldet, wird aus dem Publikum gefragt, was er denn eigentlich im Tierschutz leiste. Mit seiner Antwort, dass er zwei Kat-1-Hunde aus dem HTV adoptiert und darüber hinaus zwei weiteren Kat-1-Hunden aus dem HTV Dauerpflegeplätze gegeben habe, hatte man augenscheinlich nicht gerechnet. Er wird unterbrochen, so dass er nicht mehr dazu kommt, den Anwesenden zu erklären, dass er Gründungsmitglied eines Tierschutzvereins in Ostholstein und dort in der Tiervermittlung und Tierrettung tätig gewesen sei.

Ein Mitglied verteilt unter den Anwesenden einen schriftlichen „Hilferuf aus dem Tierheim Süderstraße“, unterzeichnet von Tierpflegern des HTV, gerichtet an Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks, die Bezirksamtsleiter der Hamburger Bezirke sowie die Fraktionsvorsitzenden der Hamburger Bürgerschaft. Darin heißt es: „Gegenüber früheren Jahren hat sich der Tierbestand deutlich erhöht. Schwer vermittelbare Tiere mit besonderem Betreuungsbedarf sind mehr und mehr geworden … Der Vorstand hat eine sehr persönliche Überzeugung was ‚richtiger‘ Tierschutz bedeutet und sorgt dafür, dass die Ressourcen des Tierheimes stets in erster Priorität für diese Ziele eingesetzt werden … Die Personalpolitik von Vorstand und Tierheimleitung ist geprägt von Ausbeutung, Unterdrückung, Bedrohung und Mobbing. Es herrscht ein Klima des Misstrauens und der Angst, dem sich viele Kollegen psychisch immer weniger gewachsen fühlen … Wir wissen sehr wohl, dass diese Probleme in einem Verein über den Weg der Mitgliederversammlung geändert werden können. … Leider haben wir bisher nicht die Möglichkeit, über die Tagesordnung die kritischen Punkte mit den dazugehörigen Hintergrundinformationen diskret allen Mitgliedern vorab zur Kenntnis zu geben. Der einzige Weg, den wir hierfür momentan sehen, ist die allgemeine Mobilisierung der Vereinsmitglieder über Presse und soziale Medien“.

Inzwischen haben zahlreiche, insbesondere ältere Mitglieder die Versammlung verlassen. Ohne Pause ist es für sie in der Sonne einfach nicht auszuhalten und auf den etwas schattigeren Plätzen wird es langsam unangenehm kalt. Zu den Abstimmungen sind noch etwas mehr als 130 Mitglieder anwesend. Da der Antrag auf geheime Abstimmung abgelehnt wird, bleibt Mitarbeiter*innen und Ehrenamtlichen, die Repressalien fürchten müssen, nichts anderes übrig, als sich der Stimme zu enthalten. Auszugehen ist von mindestens 20 potentiellen Gegenstimmen, mit denen das Ergebnis zugunsten des HTV-Vorstandes deutlich knapper ausgefallen wäre. Bis auf die vermeintlich „wahren Freunde des HTV“, etwas weniger als 70 an der Zahl, die sich mit dem Vorstand noch für einen Facebook-Post ablichten lassen und ihren Sieg anschließend am Buffet feiern wollen, verlassen die verbliebenen Mitglieder die Versammlung.

Inzwischen hat das Hamburger Abendblatt über die Versammlung berichtet und titelt fälschlicherweise: „Polizei unterbricht Versammlung“. Obwohl außer der Überschrift, alles andere stimmt, erleben die Facebook-Seiten des Hamburger Abendblattes und der Freunde vom Hamburger Tierschutzverein einen Shitstorm sondergleichen.

Shitstürme sind zwar nicht schön, aber die müssen wir aushalten, denn auch während der Ära Poggendorf, gab es Mitglieder, die bis zu seiner Verurteilung fest davon überzeugt waren, im HTV wäre alles in bester Ordnung.